Bauturbo: Geht es um mehr Wohnraum – oder um bezahlbaren Wohnraum?
CSU-Kreistagsfraktion kritisiert das Landratsamt –
Rita Poser widerspricht
(UBB - 06.09.2026) - Der sogenannte Bauturbo sorgt im Berchtesgadener Land weiter für Diskussionen. Nachdem das Landratsamt gegenüber dem Berchtesgadener Anzeiger eine durchaus kritische Bilanz der bisherigen Anwendung gezogen hatte, reagierte der Vorsitzende der CSU-Kreistagsfraktion, Dr. Christoph Lung, mit deutlicher Kritik an der Behörde.
Der Berchtesgadener Anzeiger berichtete darüber am 4. September 2026 unter der Überschrift „Bauturbo: Instrument zur Wohnraumschaffung“.
Was Dr. Lung dem Landratsamt vorhält
Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist ein ausführlicher Bericht des Berchtesgadener Anzeigers vom 29. August. Darin hatte das Landratsamt darauf hingewiesen, dass der neue § 246e Baugesetzbuch zwar zusätzliches Baurecht ermöglichen kann, die Schaffung bezahlbaren Wohnraums aber gerade nicht regelt. Seit Oktober 2025 waren im Landkreis 20 Anträge mit überschlägig rund 50 Wohnungen eingegangen. Bei den meisten Vorhaben geht es nach Angaben des Landratsamts um Ein- und Zweifamilienhäuser.
Diese Einschätzung stößt bei Dr. Lung auf Kritik. Nach dem Bericht vom 4. September sieht die CSU-Kreistagsfraktion im Bauturbo ein wichtiges Instrument, um Wohnraum zu schaffen und Bauvorhaben ohne die zeitaufwendige Aufstellung eines Bebauungsplans zu ermöglichen.
Lung kritisiert insbesondere, dass das Landratsamt Risiken, rechtliche Bedenken und mögliche Nachteile aufzähle, anstatt den Kommunen Orientierung für den Umgang mit dem neuen Instrument zu geben. Die Verwaltung solle nach seiner Auffassung mit einem „positiven und konstruktiven Ansatz“ an die Sache herangehen und Lösungsvorschläge aufzeigen.
Dabei verweist Lung selbst auf das Wirtschaftsleitbild 2025–2030 des Landkreises und dessen Ziel, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik von UBB-Gemeinderätin Rita Poser an: Zusätzliches Baurecht und zusätzlicher Wohnraum sind noch lange kein bezahlbarer Wohnraum. Entscheidend sei vielmehr, ob Wohnungen entstehen, die sich Menschen mit normalen und kleineren Einkommen tatsächlich leisten können – und ob dafür die notwendigen Fördermittel bereitstehen.
Rita Poser hat deshalb am 6. September folgenden Leserbrief an den Berchtesgadener Anzeiger und die Passauer Neue Presse geschickt:
Bauturbo: Entscheidend ist nicht mehr Wohnraum, sondern bezahlbarer Wohnraum
Leserbrief von Rita Poser zum Artikel „Bauturbo: Instrument zur Wohnraumschaffung“ vom 04.09.2026
Zur Kritik des CSU-Kreistagsfraktionsvorsitzenden Dr. Christoph Lung am Landratsamt möchte ich diesem ausdrücklich zur Seite springen. Denn die Behörde hat nichts anderes getan, als die bisherigen Erfahrungen mit dem sogenannten Bauturbo im Berchtesgadener Land sachlich und erfreulich konkret zu beschreiben, so wie wir es auch vor Ort erleben.
Dr. Lung hat in einem wichtigen Punkt vollkommen recht: Wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum. Genau deshalb greift es aber zu kurz, zunächst allgemein von der Schaffung zusätzlichen „Wohnraums“ zu sprechen und erst im zweiten Nachsatz von bezahlbaren Wohnraum.
Wie wir alle wissen, fehlt es beim Bau bezahlbarer Wohnungen vor allem an ausreichenden Fördergeldern. Das zeigen beispielhaft die Projekte am Burgergraben in Bischofswiesen und an der Salzburger Straße in Berchtesgaden. Bei beiden Vorhaben kam es immer wieder zu Verzögerungen wegen offener Finanzierungsfragen. Über den Abriss und damit die Vernichtung bereits bestehenden bezahlbaren Wohnraums sind beide Projekte bislang nicht hinausgekommen.
Für gut situierte Menschen besteht bei uns zwar ebenfalls das Problem hoher Preise – sie können sich Wohnraum aber grundsätzlich leisten und so mancher hat auch eine Zweitwohnung. Die soziale Wohnungsnot trifft diejenigen, deren Einkommen mit den Grundstückspreisen, Baukosten und Mieten im Berchtesgadener Land längst nicht mehr Schritt halten kann: junge Familien, Alleinerziehende, Beschäftigte mit normalen Einkommen und oft auch Senioren.
Und genau darin liegt das Problem des Bauturbos. Das Landratsamt weist völlig zu Recht darauf hin, dass der neue § 246e Baugesetzbuch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums überhaupt nicht regelt. Die bisherigen Zahlen bestätigen diese Skepsis: Bei den bislang rund 20 Vorhaben im Landkreis geht es überwiegend um Ein- und Zweifamilienhäuser im Außenbereich.
Das Landratsamt nennt außerdem Angebotspreise für Grundstücke von durchschnittlich rund 660 Euro pro Quadratmeter im Landkreis und mehr als 800 Euro im Talkessel.
Deshalb halte ich den Vorwurf für unangebracht, das Landratsamt beschreibe lediglich Probleme, anstatt Lösungen aufzuzeigen. Probleme klar zu benennen ist keine Verhinderungspolitik, sondern Voraussetzung für vernünftige Lösungen, für die die Politik verantwortlich zeichnet. Dazu gehören z.B. die Bereitstellung von Fördergeldern.
Der Verweis von Dr. Lung auf das Wirtschaftsleitbild 2025–2030 des Landkreises, das ausdrücklich mehr bezahlbarenWohnraum fordert, gibt auch keine Antwort auf die Frage, woher die dazu notwendigen Fördermittel kommen sollen.
Rita Poser
Quellen:
Berchtesgadener Anzeiger, 29.08.2026: „Der Turbo, der Einfamilienhäuser baut“
Berchtesgadener Anzeiger, 04.09.2026: „Bauturbo: Instrument zur Wohnraumschaffung“
